Foto

Published on Januar 17th, 2011 | by Michael Mahlke

0

Meisterschule Digitale Fotografie von R. Wagner u. K. Kindermann

Dieses Buch ist deutsche Qualitätsarbeit im besten Wortsinn. Wer heute wirklich das Fotografieren verstehen und erlernen will, der findet hier ein Buch, welches dies alles umfassend und gut bietet.

Im ersten Kapitel „Die Kamera wirklich verstehen“ beginnt das Autorenduo mit dem Satz: „Digitale Kameras unterscheiden sich von analogen Kameras in einem Punkt ganz wesentlich: Selbst wenn man vermeintlich alle Automatiken ausschaltet und die Kamera umfassend im manuellen Modus betreibt, arbeiten im Hintergrund ganze Heerscharen von Assistenten und Prozessoren am endgültigen Bild.“

Und dann geht es los mit dem Sensor. Hier wird gezeigt, dass digitale Fotos Sensorfotos sind. Aber was ist ein Sensor und wie entstehen RAW-Daten? „RAW-Daten werden immer wieder als direkte Sensordaten bezeichnet. Das ist aber nicht der Fall. Bevor die Daten im RAW landen, werden sie erst verarbeitet. Wie bereits erwähnt, werden unter Umständen nur Teile der Ladung überhaupt verwendet. Dann wird eine Chromamaske über das Bild gelegt, die den Farbeinfluss des Tiefpassfilters ausgleicht…“

Man merkt an diesem Zitat schon, dass dieses Buch seinem Anspruch gerecht werden will, eine „Meisterschule“ zu sein. Dem wird das Buch auch gerecht. Reinhard Wagner und Klaus Kindermann beginnen mit dem Verstehen der Kamera, Besprechen der Objektivtechnik und -typen, besprechen von Licht und Farbe und dem Bildaufbau.

Im Abschnitt über die Beurteilung der Objektivauflösung erfahren wir zum Beispiel, daß bei „digital gerechneten Objektiven .. Auflösung und Kontrast digital schon in der Kamera nachbearbeitet“ werden. Und dann gibt es eine genaue Erklärung, die manches in einem neuen Licht erscheinen läßt.

Das sprachliche Niveau des Buches möchte ich an einem Beispiel deutlich machen. Im Abschnitt über „Herstellerspezifische Fokusantriebe“ lesen wir: „Die Ultraschallmotoren sind nicht mit einem normalen Elektromotor zu vergleichen. Sie bestehen aus zwei konzentrischen Ringen, deren feststehender Teil, der Stator, der ein piezokeramisches Element enthält, durch das Anlegen einer Wechselspannung verformt wird.“ (S. 79)

Die Frage, was ist Piezoelektrizität und was heisst konzentrisch, muß man dann aber selber beantworten.

Dieses Beispiel zeigt sehr schön das Sprachniveau dieses Buches. Zugegebenermassen ist dieses Kapitel sehr technisch und wird vielfach als trocken empfunden. Aber es ist genau das, was man braucht, wenn man verstehen will, was technisch vor sich geht und vor allem ist die Sprache sachgerecht.

Im Kapitel über den „Bildaufbau“ zeigen die Autoren alles, was klassisch gut ist. Welche Rolle spielt zum Beispiel „Zeit“?

„Eine Folge der Richtung, in der man in ein Bild geht, ist die Zeitkomponente, die ein Bild hat. Links sieht man zuerst, dann wandert der Blick nach rechts. Damit ist links die Vergangenheit, rechts die Zukunft, in der Mitte die Gegenwart. Wird ein Motiv zentral platziert, ruht es in der Gegenwart.“

So erhält man Informationen, die mithelfen, ein neues Sehen im Kopf entstehen zu lassen.

Dann kommt ein riesiger Bereich zum Thema „Fotografieren wie die Profis“. Hier gibt es eine gelungene Mischung von Wissen und Erfahrung, viele kleine und große Tipps. Aber das ist noch nicht alles. Wenn es um Architekturfotografie geht, dann wird nicht nur darüber gesprochen wie man eine Industrieanlage in das rechte Licht rückt.

Zugleich findet man dann Informationen wie: „Ein Problem bei Überblicksbildern über Fertigungshallen ist die schlechte Beleuchtung und – speziell bei größeren Sensoren – die Notwendigkeit, die Blende auf mindestens Blende 8 zu schließen, um eine ausreichende Schärfentiefe zu erhalten.“

Dies alles wird mit Beispielfotos erklärt. Dasselbe gilt für Fotos für Onlineakutionen ebenso wie für Menschen und die anderen großen Felder in der Fotografie, schwieriges Licht, Sport, Reportage und sogar Lichtspielereien.

Der Praxisteil enthält wirklich fast alle fotografischen Situationen, egal ob Pferde auf der Rennbahn, Vögel beim Fliegen, vor der Bühne, im Theatergraben, Sternspuren einfangen, Fotoreportagen, Street, Schneefall fotografieren und vieles mehr. Dort sind sehr viele Erkenntnisse und Erfahrungen gesammelt.

Fragen zu kritischen Spiegelungen in der Sonne oder das Erzeugen dekorativer Strahlenkränze werden ebenso dargestellt wie Frage, wie man Schneefall bei Tag oder Nacht sichtbar macht: „Bei Nacht ist heftiger Schneefall ebenfalls nur vor dunklem Hintergrund zu erkennen, zusätzlich ist noch eine Lichtquelle nötig, die den Schnee vom Hintergrund abhebt.“ Viele Checklisten helfen, das Gelesene zu rekapitulieren.

Es ist wirklich alles umfassend erläutert und illustriert. Ich habe noch nie eine Zeichnung gesehen, die erklärt, wie ein Bokeh entsteht. Hier ist sie. So könnte man über manches schreiben, was in diesem Buch dem selbstgestellten Anspruch im Titel gerecht wird.

Dem schliessen sich Blitzen, HDR und die Kamerapflege an. Der letzte große Abschnitt zeigt Testverfahren und Berechnungstabellen und zum Schluß noch etwas Rechtliches.

Das Buch ist anspruchsvoll und gut. Es setzt einen Standard, der schon beim Titel deutlich wird. Es ist eine Investition in die tieferen Zusammenhänge der Fotografie, wenn man Fotografieren lernen und das eigene Tun und das Verhalten der Technik verstehen will.

Es ist in diesem Sinne „echte deutsche Wertarbeit“.

Reinhard Wagner, Klaus Kindermann:
Meisterschule Digitale Fotografie
ISBN 978-3-645-60088-0
Franzis Verlag

Tags: , , , , , , , ,


About the Author

Der Autor hat vor, während und nach dem Studium als Dozent in der Erwachsenenbildung gearbeitet, u.a. für die Bundeswehr, die Arbeitsagentur und das Gesamtdeutsche Institut. Er war Leiter einer privaten Wirtschaftsschule und Geschäftsführer einer sozialen Organisation und Berater für die Umsetzung von Arbeit und Alter in Arbeitsprozessen. Er organisierte betriebliche Umstrukturierungen, leitete Konferenzen, schrieb Reden und coachte bzw. begleitete viele Jahre Menschen und Gruppen. Schwerpunkte dabei waren Übergänge, Arbeit und Alter, Konfliktbewältigung und neue Medien. Er ist Publizist, Autor diverser Bücher, Fachvorträge und Artikel und seit ca. zehn Jahren in den Online-Medien unterwegs, erst mit Texten und nach Studien über Cartier-Bresson auch mit Fotos und diversen multimedialen Reportagen.



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to Top ↑