Fachbuch

Published on Dezember 17th, 2011 | by Michael Mahlke

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Das Elend der Welt von Pierre Bourdieu et al.

848 Seiten voller Menschen, die hier in Europa leben und erzählen, was sie erleben. Dieses Buch von Pierre Bordieu und anderen ist 1997 in deutscher Übersetzung erschienen. Es ist eine Sammlung von Befragungen in den Vororten von Paris und Schlußfolgerungen für eine angewandte Sozialwissenschaft und die Politik. Sogar in der Wikipedia hat man über dieses Buch geschrieben.

Aber dieses Buch war mehr. Zum Tod von Bourdieu wurde in der Zeit formuliert: „Er hat das Buch in der Gewissheit geschrieben, dass ein Soziologe, der, theoretisch geleitet, zu fragen und zuzuhören versteht, heilen kann wie ein Arzt. Weil das Gespräch, sokratisch geführt, helfe, das eigene Leben besser zu verstehen und zu widerstehen. Dieses Buch verstand er als eine Form zu handeln, das Schweigen zu brechen: „Wir müssen den eigenen Blick auf die anderen ändern, müssen verstehen, wie der andere lebt“, sagte Bourdieu damals.“

So ist dieses Buch eine Dokumentation von Hilfe zur Änderung des Bewusstseins durch Befragung. Aber es ist noch mehr: „Bourdieu vermag es, mit seiner sensiblen Interviewtechnik (der er ausführlich methodische Erläuterungen widmet) eine Wirklichkeit einzufangen, die vielschichtiger und widersprüchlicher ist, als wir sie im Alltag wahrnehmen oder als sie uns in empirischen Studien nahegebracht wird. Denn – und dies lehrt uns ›Das Elend der Welt‹ – die Voraussetzung zur Wahrnehmung dieser Wirklichkeit ist Zeit, sei es in der Begegnung mit Menschen oder, wie in diesem Fall, Zeit zum Lesen von 848 Seiten.“

So könnte man „Das Elend der Welt“ auch als eine Dokumentation sehen, wie man durch Interviews den Interviewten eine Art persönliches Coaching zukommen läßt, ein intelligenter Einsatz zur Änderung von Bewusstsein und den sozialen Verhältnissen.

Und es könnte im Jahre 2012 auch ein Symbol für das Hauptproblem unserer Gesellschaft sein, dem fast völligen Fehlen des Wahrnehmens der gesellschaftlichen Realität in der Politik.

Nun möchte ich das Buch mit meiner eigenen Brille unter die Lupe nehmen.

„Ich glaube, daß man die Kommunikationsbeziehung in ihrer Allgemeinheit auf keine realere und realistischere Weise erforschen kann, als wenn man sich an die untrennbar praktischen und theoretischen Probleme hält, auf die man im Einzelfall der Interaktion zwischen einem Interviewer und demjenigen, der befragt wird, trifft.“ So äußert sich Pierre Bordieu zu seinen Erfahrungen mit Interviews in „Das Elend der Welt“.

Jede Befragung ist eine „soziale Beziehung“ bei der der Interviewer die Regeln vorgibt. Und deshalb zeigt Bordieu dann nach knapp 800 Seiten voller Leben, wie er und sein Team vorgegangen sind, um möglichst gewaltfrei und im Miteinander verstehende Interviews zu führen. Diese Seiten sind ein Lehrstück für Befragungen.

Wenn man sich überlegt, was Bordieu an Manipulationsmechanismen bei Befragungen aufgezeigt hat und man weiter denkt, dann ist es erschreckend, wie dieses Instrument missbraucht und benützt werden kann.

Nun versteht Bordieu die Soziologie ja nicht als rein beschreibende Wissenschaft sondern als Wissenschaft, die informative Grundlagen für verändernde Politik schafft. Und da hat sich in den letzten Jahrzehnten eher das Gegenteil von dem getan, was eigentlich gedacht war.

In seinem „Post-Scriptum“ schreibt Bordieu: „Man hat die Politik oft mit der Medizin verglichen und man braucht sich nur … die hippokratischen Texte anzusehen, um zu begreifen, daß sich der entschiedene Politiker genauso wenig wie der Arzt einfach nur mit der schlichten Zurkenntnisnahme der qua Befragung gewonnenen Informationen begnügen kann …wäre damit schon der Interventionsbedarf befriedigt, so bräuchte man keine Ärzte. Der Arzt muß sich vielmehr darauf konzentrieren, nicht augenscheinliche Krankheiten (àdelà) aufzuspüren.“

In dieser gedanklichen Logik schreibt er weiter: „Die nach hippokratischen Maßgaben echte Medizin beginnt beim erkennen unsichtbarer Krankheiten, d.h. bei Tatbeständen, von denen der Kranke nicht spricht, sei es, weil sie ihm unbewußt sind, sei es, weil er sie mitzuteilen vergißt. Dies gilt auch für eine Sozialwissenschaft, welche die wirklichen Ursachen des Leidens kennen und verstehen will, die sich nur in Gestalt schwer zu interpretierender, da scheinbar allzu transparenter gesellschaftlicher Zeichen zum Ausdruck bringt. Ich denke da etwa an die Ausbrüche blinder Gewalt in Sportstadien oder anderswo, an rassistische Gewaltakte oder die Wahlerfolge jener Beschwörer des Unglücks, die eilfertig die primitivsten Ausdrucksformen moralischen Leidens ausbeuten und verstärken, Leiden, welches mindestens ebenso sehr einen Niederschlag all der sanften Gewalt und der kleinen Nöte des Alltags wie ein Symptom des Elends und der strukturellen Gewalt ökonomischer und gesellschaftlicher Bedingungen darstellt.“

So ist dieses Buch nicht nur eine erstklassige Einführung in die Praxis von Interviews sondern zugleich eine – wenn nicht die – Einführung in das, was eine engagierte Sozialwissenschaft ausmacht.

Der Wert des Buches liegt aber nicht nur im wissenschaftlichen Bereich. Es ist vor allem auch das, was sich nach der Beschäftigung mit diesem Buch als Horizont auftut. Man sieht sehr schnell, was alles unbeackert ist.

Bordieu hat in diesem Buch auch noch einmal dargestellt, dass die Politik diese Realitäten entweder nicht zur Kenntnis nimmt oder für eigene Zwecke nutzt.

Wie wir ja erleben, wird dies oft politisch nicht als Aufforderung für eine bessere Politik verstanden, sondern stattdessen werden Armeen von PR-Beratern eingesetzt, die Interviews führen (lassen) und diese dann über die Medien als angebliche Realität veröffentlichen.

Diese dienen i.d.R. natürlich ganz eigenen Zwecken und bestätigen so nur praktisch, was Bordieu analytisch festgestellt hat.

„Das Elend der Welt“ ist ein Lehrstück für die Kombination von Wissenschaft und Lebenspraxis und wir können froh sein, dass es so engagierte Menschen gab, die als Wissenschaftler diese Arbeit geleistet haben. Aber das wird wohl nur für den humanistisch interessierten Teil der Menschheit und der Wissenschaftler gelten. Doch für diesen Teil hat sich die Arbeit gelohnt.

Pierre Bourdieu et al.
Das Elend der Welt
Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft
2. Auflage
2008, 848 Seiten, br.
ISBN 978-3-89669-867-4

oder

Pierre Bourdieu et al.
Das Elend der Welt
Gekürzte Studienausgabe
ISBN 978-3-8252-8315-5

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About the Author

Der Autor hat vor, während und nach dem Studium als Dozent in der Erwachsenenbildung gearbeitet, u.a. für die Bundeswehr, die Arbeitsagentur und das Gesamtdeutsche Institut. Er war Leiter einer privaten Wirtschaftsschule und Geschäftsführer einer sozialen Organisation und Berater für die Umsetzung von Arbeit und Alter in Arbeitsprozessen. Er organisierte betriebliche Umstrukturierungen, leitete Konferenzen, schrieb Reden und coachte bzw. begleitete viele Jahre Menschen und Gruppen. Schwerpunkte dabei waren Übergänge, Arbeit und Alter, Konfliktbewältigung und neue Medien. Er ist Publizist, Autor diverser Bücher, Fachvorträge und Artikel und seit ca. zehn Jahren in den Online-Medien unterwegs, erst mit Texten und nach Studien über Cartier-Bresson auch mit Fotos und diversen multimedialen Reportagen.



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